Jun 052016
 
Sightseeing in Venezia

Der 4. Juni 2016 ist ein intensiver Tag mit vielen neuen (touristischen) Eindrücken. "Natürlich" steige ich am frühen morgen zunächst in den falschen Bus, der mich anstatt direkt nach Venedig  zunächst in die Innenstadt von Mestre bringt. Und "Schwarz" gefahren bin ich auch noch! Einen Fahrschein hätte ich an der CP-Rezeption am Abend kaufen müssen,  an der Haltestelle gibt es keine. Nun, ich steige ja gleich wieder aus, Strafe muss sein. In einem "Tabacchino"-Laden erstehe ich eine Fahrkarte und endlich geht es über die Ponte della Libertá hinüber ins eigentliche Venedig.

Der zentrale Busbahnhof liegt an der Piazzale Roma, den Namen muss ich mir merken. Leider habe ich mein Garmin vergessen, um meinen schönen Tag zu tracken - aber genießen kann ich ihn trotzdem, und wozu gibt es im Zweifelsfall Google-Maps?!

Ich kaufe ein 2-Tagesticket für alle Öfis inklusive Wasserbus zu den Inseln in der Lagune und bin gut gerüstet und vor allem willens, einfach alles auf mich zukommen zu lassen.  Schnell stelle ich fest, es ist alles gut organisiert im Staate Venezia! Weil noch früh, erlebe ich die Einheimischen beim Hineinpendeln zu ihren Arbeitsplätzen auf und in der Inselstadt. Touris sehe ich noch keine, das ändert sich aber bald! Der Bus jedenfalls ist proppevoll mit typischen Pendlern: morgenmufflich und nur halbwegs freundlich, dafür grinse ich jeden an wie ein Honigkuchenpgferd - und werde zum Dank sogar mit dem einen oder anderen Lächeln belohnt. Und schon bin ich in Venezia! Der Wechsel zum Wasserbus ist zunächst ungewohnt; welcher von 5 Abfahrtspunkten bringt mich denn nun in den Canale Grande?

Jedenfalls nicht der, den ich nehme - aber das stört mich nicht im Geringsten. Auf schnellstem Weg, nämlich außen herum, durch den Canale Della Guidecca, werde ich mit wundervollem Panorama und deutlich schneller als durch den Canale Grande direkt am Markusplatz abgesetzt. Wow, was für ein Anblick! Tausend mal gesehen, jetzt endlich "berührt". Es ist erst acht, da sitzt so mancher Touri noch beim Frühstück und meine erste Frage lautet: Direkt in den Dogenpalast, von dem ich gehört habe, dass man über eine Stunde anstehen muss, wenn die anderen es auch alle wollen ....? Aber nein, ich habe ja noch nichts gesehen.

Die Stadt will doch erst mal erlaufen werden und ein wenig lesen muss ich auch noch, bevor ich mich den Details zuwende - also, auf mit Schusters Rappen, die in diesem Fall ein Problem darstellen: ich trage meine Radfahrschuhe mit den Metall-Cleats und nicht nur klingen diese wie eine ganze Armee, sie sind auch ziemlich unbequem zum Gehen. Egal, das wusstest Du vorher, sage ich mir,  jetzt durch - und schließlich hast du auch für den Wasserbus bezahlt, benutz ihn  auch!

Baugeschichtliche Details stören hier, deswegen nur der Hinweis, dass der Markusplatz wegen seiner über Jahrhunderte gewachsenen Vielfalt an Gestaltungsstilen eine Augenweide ist - kein Wunder, dass man an einem sonnigen Nachmittag den Platz vor Menschen nicht mehr sehen kann.

Die Stadt zu erlaufen ist der einzige Weg, Venedig zu sehen. Von dem großen Markusplatz führen viele Wege weg, ich gehe über einen Campo de los Leones, den Löwenplatz und dann durch eine enge Gasse nach der anderen. Ich sehe kleine Handwerksgeschäfte, wie einen Maskenbildner, der aus traditionellem Papiermaché die berühmten venezianischen Masken herstellt und bin begeistert. Phantasievoll, geheimnisvoll und lasziv erotisch sind diese handgemachten Masken. Das teuerste Exemplar liegt bei 500€ - Lieferung in alle Welt, steht auf dem kleinen Schild.

Ein  anderer ist dabei, einen alten Stuhl zu restaurieren - in Handarbeit, ein echter "Handwerker"!

Langsam bekomme ich Hunger, dazu muss ich sagen, dass ich kein Frühstück und keinen Kaffee hatte - nur eine leicht angematschte Banane, bevor ich mich auf den Weg machte heute morgen.  Am Busbahnhof erstand ich einen Apfel und ein Brötchen sowie eine Flasche Eistee für den Notfall, mit dem Plan, mir unterwegs, wie in den Kommissario Brunetti-Geschichten von Donna Leon in einem gemütlichen kleinen Café vor Ort einen leckeren Espresso oder Cappucino mit einem einheimischen Gericht zu gönnen.

Pustekuchen! Kurz bevor ich die Roalto-Brücke erreiche, haben sich die seit einiger Zeit heranziehenden schwarzen Wolken entschieden, ihre Last massiv auf uns herabregnen zu lassen. Die vielen wie aus dem Nichts auftauchenden Verkäufer von Einweg-Ponchos machen ein gutes Geschäft und ich ziehe mir meine Radler-Regenjacke über - wie so oft in diesen Tagen. Wie der Zufall es will, stehe ich kurz hinter der Rialto-Brücke am Ufer des Canale Grande und entschließe mich, den "kurzen" Wolkenbruch zu einem wohlverdienten Latte Macchiato im Trockenen zu nutzen (der Vorteil, mal nicht auf dem Rad erbarmungslos dem Wetter ausgesetzt zu sein ohne Fluchtmöglichkeit) . Ich genieße den Regen "draußen" während ich ein paar schöne Impressionen schieße und irgendwann nach der Rechnung frage: 4 Euro für einen Kaffee! Und was hätte ein Bier gekostet? 7 Euro, Schluck! OK, ich bin gewarnt! Später finde ich zur Ehrenrettung der Stadt doch noch deutlich moderatere Preise, aber in den touristischen Zentren wissen sie es eben zu nehmen - besonders bei Regen! "Zentren" ist übrigens sehr relativ in dieser Stadt. Zwischen einem "Hochpreisort" und einem "Spottpreisort" liegen laut meiner Beobachtung nur 100 Meter! Das Gleiche Prinzip gilt für Gondelfahrten; nach Auskunft der Seite Venedig.com beträgt der "nicht verhandelbare" Preis für diese romantische Form der Urlaubsgestaltung pro Person für 30-35 Minuten 31 Euro, wobei bis zu 6 (frmede) Personen unterkommen können; für eine ganze Gondel mit Vorbuchung kostet der Spaß jedoch nur 93 Euro. In der Realität liegen die aufgerufenen Preise für zum Beispiel eine romantische Fahrt zu Zweit bei bis zu 150 Euro. Gut, wenn man (Mann) sich vorher erkundigt hat ... Am Campo San Rocco sehe ich die Gelegenheit, einmal die Bilder von Tintoretto zu sehen. Hintergrund: Seit einigen Stunden juckt es mich, einmal hinter die trotz ihrer wunderschönen Verzierungen eher mitgenommenen Fassaden dieser wunderbaren Stadt zu sehen. Jede Kirche, jeder "öffentliche" Palast nimmt mindestens 10€ Eintritt und bisher hat mich das abgeschreckt, wenn ih nicht abschäzen konnte, ob es sich für mich lohnen würde.  Aber die religiösen Gemälde von "Tintoretto", diesem "Besten" aller venezianischen Maler einmal zu sehen, das war schon ein Eintrittsgeld wert. Was weiss ich bsher über "Tintoretto", der mit bürgerlichem Namen Jacopo Robusti hieß? Nicht viel, außer dass er im 16. Jahrhundert für venezianische Kaufleute religiöse Bilder malte ... Jedenfalls verbrachte ich fast zwei Stunden inmitten einmaliger Malereien in der mit religiöser und allegorischer Thematik und war begeistert und bereichert. Soviel Kraft, Intensität, Kreativität und  Wissen gingen in die Gestaltung dieses Gebäudes! Wer mehr wissen möchte über diese  faszinierende Kombination aus Architektur und Malerei des 16. Jahrhunderts gehe zu  Scuolo Grande di San Rocco Am frühen Nachmittag nehme ich ein Vaporetto ("Dampfboot") hinüber zur Insel Lido, lasse mich treiben, bis ich plötzlich - die Sonne war herausgekommen! - an einem Strand stehe samt arabischen Sraßenverkäufern von Badelaken, die das Schild  "Bitte kaufen Sie nicht bei unlizensierten Händlern"  nicht im Geringsten beeindruckt. Jedenfalls die Gelegenheit, die heißgelaufenen Füße zu lüften und ein wenig auszuruhen. Die Rückkehr zum Busbahnhof erweist sich noch einmal als Überraschung: Eigentlich will ich den shcnellsten Weg nehmen, aber das Wassertaxi der Linie 1, das ich dann besteige, nimmt den"gemütlichen" Weg durch den Canale Grande, so dass ich die alle Sehenswürdigkeiten, welche ich am Vormittag abgelaufen bin, noch einmal genießen kann, diesmal mit Sonne und Muße im Sitzen. Ich kann die interessantesten Menschen beobachten: Kofferbepackte Touristen auf dem Weg zum Flughafen; eine gestresste Familie mit behindertem Kind; eine kopftuchtragende Araberin im Aufstand gegen ihren Mann (!);  einen Beziehungsstreit unter zwei Männern, gelangweilte japanische Rentner - und so weiter ... Nun freue ich mich noch auf mein "Haute Cuisine Menü" auf meinem Campingkocher ... Ein wunderbarer Tag geht zu Ende. Morgen noch einmal - mal sehen, was mir so widerfährt. Dann gehts wieder aufs Rad Richtung Mailand.          
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 Posted by at 2:15 PM

  2 Responses to “Venezia”

  1. Hallo René

    da hättest du doch einen „kleinen“ Umweg über St. Gallen machen können!
    Gott verdammt 🙂 du bist ja ständig unterwegs!
    Viel Spass noch
    Gruss Sylvio

  2. Hi Sylvio, komme gerne bei dir vorbei! Fahre über Genf nach Zug und am Bodensee vorbei nach Stuttgart. St Gallen liegt direkt auf dem Weg! Würde mich freuen.

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