Jun 032016
 
3. Juni, 2016 Der 27. Radtag bringt die Ankunft in Mestre, dem Vorort von Venedig. Und mich in einen schweren Konflikt 🙂 Aber dazu später mehr.
Ungewöhnlich spät verlasse ich heute morgen das nette kleine Hotel mit der freundlichen deutschsprachigen Chefin - sie hat ihre Kindheit als Tochter eines in den 50ern eingewanderten "Gastarbeiters" in Bayern verbracht und leitet jetzt das Hotel in Longarone. Der Plan für heute lautet: Sollte sich einer der angefunkten Warmshowersgastgeber melden, richte ich mich danach. Wenn nicht, muss ich wohl oder übel bis nach Mestre radeln - dazwischen gibt es keinen Campingplatz in erreichbarer Nähe. Es kommt, wie es kommen muss: Keiner meldet sich - war wohl zu kurzfristig, zwei Tage vorher sollte eine Anmeldung schon sein. Aber jeder Radreisende weiss eigentlich, dass man schlecht vorplanen kann, wenn man relativ lange Tagesetappen vorhat. Bei 50 bis 60 km am Tag weiss man natürlich vorher, wohin man kommt. ... Der erste bleibende Eindruck kommt gleich nach dem Start und dem Wechsel auf die gegenüberliegende Seite des Piave-Flusses, der seit gestern mein Begleiter ist. Ich sehe durch ein enges Seitental eine Staumauer und mit Schauern erinnere ich mich an die tragische Geschichte dazu. Die "Katastrophe vom Vajont" hat ihr eigenes Museum in Longarone und zu Recht! Die Elektrizitätsgesellschaft SADE beschließt trotz negativer Gutachten, einen Staudamm hier zu bauen. Am 9. Oktober 1963 stürzt ein großer Bergrutsch vom Monte Toc in den Vajont-Stausee und löst eine Flutwelle aus, die mehrere Dörfer und die Kleinstadt Longarone hinwegschwemmt. Mehr als 2000 Menschen verlieren damals ihr Leben. Eigentlich hätte der Staudamm nie gebaut werden dürfen, da es eine Anzahl von Unregelmäßigketen im Vorfeld gab. So war bei der parlamentarischen Abstimmung die notwendige Anzahl von Abgeordneten gar nicht anwesend, das Projekt wurde trotzdem genehmigt. Gutachten, die auf eine Instabilität des Berghanges hinwiesen, wurden nicht zugelassen. ... Lange geht mir diese Geschichte durch den Kopf, während ich mehrfach die Talseite wechsele, um der Hauptstraße zu entgehen. Dabei komme ich durch immer mehr Dörfer in immer kürzeren Abständen und sammle mal wieder mehr Höhenmeter als eigentlich erwartet, da es doch grundsätzlich bergab gehen soll. Da sich um 13:00 immer noch niemand bei mir gemeldet hat, beschließe ich, auf direktem Wege die ca. 90 verbleibenden Kilometer nach Mestre zu radeln. Das bedeutet aber, den netten verkehrsarmen Radweg zu verlassen, denn der zieht sich vom Lago di Santa Croce mit dem letzten Pass auf dem Weg zum Meer, dem Sella di Fadalt, noch weitere 100 km - das wären dann 160 insgesamt, also von mir nicht mehr zu schaffen. Außerdem ist es psychologisch schwer, ständig umwegige Kurven an Flussbiegungen entlang zu fahren, wenn die Staße nebenan mich einige Stuinden früher an meinem Ziel ankommen lässt. Ich höre meinen geneigten Leser jetzt (zu recht) säufzen "... aber der Weg ist doch das Ziel!" Ja und nein. Wenn ich keine Lust habe, wieder ein Hotelzimmer zu bezahlen und es keinen CP gibt, dann ist das eben mal ein Tag mit dieser gewissen Herausforderung ... Unterwegs treffe ich einen Bekannten wieder, der mich am Frühstückstisch so freundlich angelächelt hat und mit seinen 130 bis 140 kg Lebendgewicht nicht wie ein Radler aussah. Ich machte gerade eine Cappucinopause am Fadaltopass, als er den Berg hochgepustet kam und ebenfalls den Verlockungen eines einsamen Cafés am höchsten Punkt erlag. Er stammt aus dem Eisacktal in Südtirol, welches ich auch durchradelt habe und ist ebenfalls über Cortina D'Ampezzo gekommen (na ja, einen anderen Weg gibts da ja auch nicht 🙂  ). Ich mache noch ein Foto von ihm mit dem Pass im Hintergrund und wir verabschieden uns. Ich denke, wir weren uns so schnell nicht wiedersehen. Pustekuchen. Es geht nach dem Pass für 14 Kilometer mehrheitlich bergab und zwar rasend schnell. Nachdem ich voller Freude Tempo aufgenommen habe, so ca. 35 bis 40 km/h, sehe ich im Rückspiegel, wie dieser Berg von Mensch immer näher kommt. Trotz seiner zwei relativ leichten Gepäcktaschen ist er deutlich schwerer als ich und überholt mich auf einer langen Geraden, auf der die Schwerkraft eindeutig auf seiner Seite ist. Ich staune Bauklötze! Als es dann wieder flach wird, halten wir beide an und lachen uns gegenseitig aus. Ein Mensch mit Humor auf dem Weg nach Udine, um seine Tochter zu besuchen! Vittorio-Veneto ist die nächste Stadt - und leider kann ich mir heute nicht den üblichen Rundgang durch die Altstadt mit Kaffee gönnen, da ich nicht sicher bin, wie lange mein Energiehaushalt und meine Radellust heute reichen werden, wenn ich zu viele oder zu lange Pausen mache. Also Zähne zusammenbeißen und durch (die Stadt ....). Dann kommt Connegliano - die Weinstadt, aus der der berühmte Prosecco stammt. Durch Weinberge hindurch (die hier eher flacher als in deutschen Weinlagen angelegt sind) windet sich der Weg, vorbei an Susegana, wieder eines dieser schon von Ferne als mittelalterlich erkennbaren Städtchen, und hinüber zum Fiume Piave, dem Fluss, an dem ein Museum Auskunft gibt über die Schlacht zwischen den österreichischen und den italienischen Truppen gegen Ende des 1. Weltkriegs. Ein verrostetes "Brückenboot" mitsamt originalen Mörsergranaten und Infotafel weisen auf diese Schlacht hin. Dann entschließe ich mich, endgültig auf den mäandernden Radweg zu verzichten, begebe mich ins Verkehrsgetümmel der Nationalstraßen und gebe "Gas". Die Stadt Treviso fordert mich mit ihren eigentümlichen Ringstraßen orientierungsmäßig noch einmal heraus und dann bin ich irgendwann in Mestre und am Campingplatz, wo ich mir mit Bordmitteln (Reste vom Hühnchen von Gestern, Nudeln, Pesto, Orange) ein mindestens 5-Sterne Haute-Cuisine-Abendessen auf dem Gaskocher zaubere (immer bedacht, unter den Regentropfen wegzuspringen, bevor sie mich treffen). Ein netter Whatsapp-Kommentar (von Susanne) macht mich darauf aufmerksam, dass das Wort "Haute-" definitv seine Wurzel darin haben muss, dass diese "Cuisine" ausnahmsweise mal nicht auf dem Boden, sondern auf einem Stehtisch zubereitet wurde ... Ach ja. Der "Schwere Konflikt". Nun, ich hatte mir vor einigen Tagen gesagt, dass dieser vermaledeite Regen, der mich wie ein Fluch von Anbeginn der Reise verfolgt, ja spätestens südlich des Alpenhauptkamms - und allerspätestens bei Venedig erspart bleiben wird. .... Und, falls es in Venedig auch noch regnet, dann fahre ich mit der EISENBAHN nach Hause und lege mich drei Tage ins Bett! Und dann dieser wundervolle Tag mit seinen vielen Eindrücken. Das Thermometer  stieg auf 28 Grad und es war trocken. Die Wolken störten gar nicht, denn während der einen Stunde ohne Wolken wurde mir schlagartig heiss! Alles wunderbar, ich freute mich auf einen lauschigen Abend am Mittelmeer und darauf, endlich mein nasses Zelt trocknen zu können; und dann, während des Zeltaufbaus, als hätte da oben jemand genau aufgepasst, wurde es dunkel und ein Platzregen zeigte mir deutlich, wer hier Herr im Haus ist. Und da habt Ihr meinen Konflikt! Was nun? Drohung wahrmachen, und Sanne zu hause in die Arme schließen? Oder Venedig entspannt genießen und dann bei (vielleicht?????) trockenem Wetter weiter zu radeln ... So schnell kommt die Gelegenheit nämlich nicht wieder ....
Series Navigation<< 26 – Greatest Day / schönster TagVenezia >>
 Posted by at 10:54 PM

Sorry, the comment form is closed at this time.