Jun 022016
 
Toblacher See in Südtirol bis nach Longarone, 100 km 893 HM

Tag 26 auf meiner Tour RUD - Ein besonderer Tag! Der Plan war, vom Toblacher See (1300 m), einem bekannten Langlauf-Sportzentrum, über den Gemärckpass / Passo Cimabanche in 1530 m Höhe und weiter über den bekannten Kur- und Skiort Cortina d'Ampezzo bis nach Pieve di Cadore zu fahren. Es kam ein noch ein wenig hinzu.

Aber der Reihe nach.

Nach nassem und abschüssigem Schlafplatz kein Frühstück, um 6:30 macht keine Campingplatzwirtschaft dieser Welt freiwillig auf. Ich also los nach Süden, dankbar dafür, dass es nicht regnet. Außer ein paar tiefhängenden Wolken bei 9 Grad stört nichts den Blick auf die wundervollen Dolomiten, durch die ich mich diesen Tag hindurchbewegen werde. Der versprochene Aussichtspunkt auf die "Tre Cime",  jene sagenumwobene und (wohl) sehr schöne Bergformation ist zwar da - und gerade dort, wo ich in einem Café mein Frühstück einnehme - aber wolkenverhangen; ein "geklautes" Bild ersetzt mein eher graues Foto.

RUD_Toblach-Longarone_62_von_62.jpg Für mein eigenes Bild müsst Ihr wohl weiter unten meine Fotoshow abrufen 🙂

Heute ist Feiertag in Italien, Tag der Republik. Ich erwarte also einiges an Sportsfreunden auf den Alpenpisten, aber außer einer mit Bussen angefahrenen Laufgruppe und ca. 10 Mountainbike-Radlern treffe  ich auf der ganzen Strecke über den Pass bis Cortina niemanden an. Es ist einfach wunderbar, über die autolose Radstrecke parallel zur alten Passstraße zu fahren. Hinter dem Pass wechsele ich auf die Straße, weil ich gelesen habe, dass die Serpentinen einzigartig seien - und so ist es auch. Hinunter nach Cortina ist ein wahrer Genuss!

Cortina D'Ampezzo selbst ist seit dem ausgehenden 19.Jahrhundert ein "mondäner" Kurort sowohl im Sommer als auch im Winter. Auch wenn der 1. WK der Entwicklung zunächst ein Ende setzte, konnte die Stadt mit der Olympiade 1956 ein Comeback feiern. Aus meiner persönlichen Sicht ist die Stadt in den 70ern stehen geblieben. Aber vielleicht stört mich auch nur der etwas verlorene Eindruck der Zwischensaison - außer unglaublich vielen "Besuchern" aus Japan mitsamt den vielen Reisebussen scheine ich der einzige "Tourist" zu sein ... Das gibt mir Gelegenheit, nach einem kontemplativen Cappuchino auf dem Platz vor der Kirche und dem örtlichen Museum auf einer Bank zu sitzen und ein paar schöne Portraits zu machen....

RUD_Toblach-Longarone_22_von_62.jpg

Es folgen 30 km über einen wirklich konsequent fahrradfreundlich ausgebauten wenn auch anstregend auf- und ab- geführten Radweg parallel zur Straße - immer wieder bin ich versucht, auf die Straße zu gehen, aber ich bleibe bei der Grundidee "Reisen, nicht Rasen", auch wenn es deutlich langsamer aber eben ohne Verkehrsbelästigung voran geht.

Bis Pieve di Cadre ist auch alles entspannt, dann muss ich eine Entscheidung treffen - und treffe die Falsche 🙂 . Meine Route will mich Richtung Venezia direkt nach Süden lenken, aber mein google maps sagt mir, dass es im Norden den letzten Campingplatz gibt - danach für 50 km nach Süden nix. Also fahre ich nach Calalzo di Cadore Richtung Norden. Dann stelle ich fest, dass der CP auf der anderen Seite eines Sees liegt, und ich am nächsten morgen 15 km zurück fahren müsste. Ne, es ist erst 15 Uhr (eine Zeit, bei der ich immer so langsam anfange, eine Unterkunft zu suchen) und ich entscheide mich, die 6  km zurück zur Hauptroute zu fahren - mit welchem Ergebnis!!

Nach kurzer Suche finde ich die wirklich steile Verbindung zur Straße in das Val de Cadore hinunter. Steile Felswände, eine wirklich autoleere, weil für den Durchgangsverkehr gesperrte, wunderbare, einmalige, steile Serpentinenstraße hinunter über 200 Höhenmeter führende Radfahrertraumstraße! Leider kann man keine Fotos während solch einer Abfahrt machen. Das ist bisher der einzige Moment, zu dem ich bedauere, keine Kamera mitlaufen lassen zu können -  abgesehen von der einmaligen Fahrt auf dem Icefields Parkway in Canada letztes Jahr!!!

Problem? Ja, es gibt bei dieser Abfahrt eines, das mich seit dem ersten Tag begleitet: Während dieser einmaligen Abfahrt wird es durch den einsetzenden Regen, welcher den ganzen Nachmittag schon  in der Luft lag, richtig gefährlich. Ich bremse ab, hoch konzentriert, um nicht den Punkt zu verpassen, an dem ich durch die Nässe vor der nächsten Serpentinenkurve nicht mehr genug abbremsen kann. Die Abriebschmiere macht sich mehr und mehr bemerkbar bis ich gezwungen bin, in Perarolo di Cadore meine rasante Abfahrt zu unterbrechen und unter dem Vordach eines Tores zu einer Villa Zuflucht zu suchen.

Wie so oft, hat es der Zufall mit mir auch hier gut gemeint. Mein Versuch, den Regenguss abzuwarten, entpuppt sich als ein wirklich interessantes Interludium. Die Geschichte dieses kleinen Ortes spielt sich direkt vor meinen Augen ab: Der Feiertag führt dazu, dass ganze Gruppen von Einheimischen die Ortschaften ihres Tales abwandern mit Luftballons und immer anderen Verköstigungsstationen mit lokaler Küche (hier gibt es  Prosciutto).

Direkt vor mir steht der Constantini-Palast und sein wunderschöner Garten.  Perarolo di Cadore ist im 18 Jhdt reich geworden durch die Weiterverarbeitung der Holzstämme, die in den höher gelegenen Wäldern geschlagen und über den Fluss Boite, welcher hier in den Piave mündet,  hierher geflößt wurden. Ein kleines Museum, zu dessen Besuch mich der anhaltende Regen "zwingt", gibt hierüber Auskunft. (siehe Bilder)

Dann die Frage, wo ich denn nun übernachten will. Es ist nass, der Regen kommt und geht, der nächste CP weit und ich entscheide mich, die 100 voll zu machen und bei Langarone ein (preiswertes) Zimmer zu suchen.Und auch hier meint es das Schicksal mal wieder gut mit mir: Der Ort liegt doof -  ich muss vom Fluss wieder hoch, ca. 30 Höhenmeter, klingt nicht viel, aber ich bin müde. Vor dem Rathaus angekommen, wird der Regen richtig heftig und unter dem Vordach mache ich ein "Beweisfoto" 🙂 Eher aus Ratlosigkeit.

Dann stelle ich fest, dass das "Hotel de Posta" geschlossen hat ... Aber, obwohl Feiertag, ein Supermarkt hat auf! Oh ja!!!! Ich kaufe am Tresen ein ganzes! Hühnchen  mit mediterranem Reissalat. Auf mein hilfloses Italienisch (die Interferenzen mit Spanisch blockieren mich total!!!!)  spricht mich eine Italienerin mit lustigem Englisch an und kapiert sofort, dass ich den armen Hühnchenverkäufer nach einem Hotel in der Nähe gefragt hatte.

Ende vom Lied:  ich schließe mein Rad ab, sie fährt mich zu einem Hotel, wo ich mit ihrer italienischen Hilfe ein Zimmer für 29 € erhalte,  obwohl die Dame am Tresen zunächst meint, es sei alles voll. Nun also schnell zurück, das Rad holen, in der Garage abschließen und den Ausweis vorzeigen. "Ach, Sie sind Deutscher, das macht doch alles viel einfacher!" sagt die freundliche Dame sofort mit einem breiten und offensichtlich erleichterten Grinsen. Es ist mir lediglich peinlich, dass ich nicht in ihrem netten Resaurant esssen werde, da die Italienerin mich ja NACH meinem Lebensmitteleinkauf angesprochen hatte und ich somit versorgt bin. Nette Begegnungen haben schon immer meine Touren versüßt!

 
 
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 Posted by at 9:10 PM

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